Egal, wie tief die Pfützen sind. Sofia

Im Hof der Synagoge blühen die Akeleien. Die Baumwurzeln schieben sich unter dem Pflaster durch, vereinzelt stehen Oleander, einige Rosenstöcke und verleihen dem Vorgarten ein fast wohnartiges Gepräge. Das Vordach ist eine zierliche Konstruktion aus Glas und ornamentierten Walzeisen. Die Centralna Evrejska Sinagoga wurde 1904–1910 vom Architekten Friedrich Grünanger erbaut. Grünanger stammte aus Siebenbürgen, studierte an der Akademie in Wien bei Friedrich von Schmidt.

Durch einen Seiteneingang im Hof führt der Weg zum kleinen jüdischen Museum im Obergeschoß des Gebäudes. An der Küche vorbei, aus der ein intensiver Duft von Backwaren strömt, führt die Treppe zum Einraummuseum, das mit wenigen Exponaten, dafür umso berührender, eine Geschichte der Juden in Bulgarien zeigt. Mit maschingeschriebenen Zetteln versehen, zeugen die Exponate auf bescheidene Weise vom Leben der sephardischen Juden. In einem Eck ist ein Teil eines Wohnraumes nachgestellt, an der Wand hängt eine Schwarzweißfotografie von Elias Canetti. Canetti beschwor in seinen Erinnerungen die Bilder des jüdischen Bulgarien, das Leben der Spaniolen in Rustschuk, heute Russe. In seiner Autobiografie „Die gerettete Zunge“ erzählt er von der Stadt an der Donau, von orientalischen Farben, der Handelsstadt, dem Kontor des Großvaters gefüllt mit den Kisten und Säcken voller Waren, gehandelt wurde en gros. Im kleinen Museum steht am Ende des Raumes ein Gefäß, das mit gelbschwarzen Judensternen gefüllt ist. Sie wurden wie Knöpfe, mittels zwei Löcher, an der Kleidung angenäht.

Das Grand Hotel Bulgaria am Car Osvoboditel, einstiger Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens, strahlt renoviert nach aussen, innen führt es eine Halbexistenz. Im Erdgeschoß verströmt das Café den ästhetischen Charme des ausgeronnenen Sozialismus. Mit riesigen Stoffbahnen umhüllte, überdimensionierte Beleuchtungskörper hängen bedrohlich über einem weißen Kunststoffmobiliar, dazu violette und pistaziengrüne Farbakzente. Sie erzeugen jene eigenwillige, künstliche Stimmung, welche die Gastronomiebetriebe der ehemaligen sozialistischen Länder atmosphärisch alle einander ähnlich erscheinen ließen. In den Vitrinen türmen sich die knallfarbigen Quader und Kugeln der Patisserie und Tortenstücke. Die oberen Geschoße des Grand Hotel stehen leer. Das Hotel ist nicht in Betrieb.

Auf einer Parkbank sitzt eine ältere Frau mit schwarz gefärbtem Haar. In ihrer Hand hält sie einen Brotlaib in einer durchsichtigen Plastiktüte fest umklammert. Der Schein der Abendsonne wärmt und verzaubert die Stadt, deren Bauten und Straßen brüchig scheinen, hie und da blitzt ein farbig renoviertes geputztes Haus hervor, ein Vorahnung auf Sofia in zehn oder fünfzehn Jahren.

Über Balkanstädte sagt man in aller Regel, sie hätten eine europäische Fassade, hinter der sich eine orientalische – das heißt pittoreske, aber chaotische Wirklichkeit – verberge.“ So schreibt der Historiker Mark Mazower in seiner Geschichte des Balkans. Die bulgarische Hauptstadt Sofia birgt eine besondere urbanistische und architektonische Situation. Die im 19. Jahrhundert neu gewählte bulgarische Hauptstadt nahm sich Wien zum architektonischen und stadtplanerischen Vorbild. Um 1900 erreichte diese Verbindung ihren Höhepunkt. Was allerdings seinerzeit im Wunsch nach neuer zentraleuropäischer Identität seinen Niederschlag in einem ehrgeizigen städtebaulichen Programm fand, ist gegenwärtig vor allem vom Bedarf, ökonomisch aufzuholen, geprägt. Bei der nahezu ungebremsten Investorentätigkeit bleibt eine übergreifende Stadtplanungspolitik vielfach auf der Strecke.

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Gabriele Reiterer
Egal wie tief die Pfützen sind.
Die Presse / Spectrum
13. 06. 2008

https://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/390823/Egal-wie-tief-die-Pfuetzen-sind

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