Der Himmel über der Stadt. Lissabon

„Der Himmel über Lissabon ist offen, er erhält sein mildes Licht, seine Weichheit und seine ständige, flutende Bewegtheit vom Ozean.“ Die Stadt bezog ihren Lebensatem vom Ozean, schreibt Annemarie Schwarzenbach in ihren europäischen Feuilletons. Lissabon liegt geografisch und geopolitisch am äußersten Teil Europas, vor sich die Weite des Meeres.

Lisboa, das Wasser, das Licht und der unendliche Horizont. So könnten die Archetypen der Stadt lauten. Lissabon als Balkon Europas und nach vorne der Blick auf das Meer. Spanien im Rücken und nach vorne stets das Unbekannte und das Neue. Das Bewusstsein des Landes am äußeren Ende Europas gestaltet sich zwischen Saudade und Fado, zwischen europäischer Identität und regionaler Eigenständigkeit. Wo ist der Platz Portugals in Europa? Ist die Suche nach einer europäischen Identität im gegenwärtigen institutionell-künstlichen Gebilde Europa überhaupt sinnhaft? Wer sich in der betörenden, vibrierenden Stadt am Tejo mit ihren unzähligen Stufen, den ächzenden Carreiros, der raumlabyrinthischen Alfama und dem omnipräsenten Bacalhau am Teller über portugiesische Identität Gedanken macht, muss nicht lange überlegen. Eine umwerfende Noblesse der Portugues zwischen Seefahrt, Fernando Pessoa,  Benfica Lissabon, Ronaldo, ebenso wie die klebrigsüßen Eierteigkuchen, der Bica und die Grandesse der iberischen Architektur, in einer Tradition, die empathisch, kritisch sich stets am Menschen orientiert.

Wie einst schlagen die Wellen des Tejo an die Stufen des Praça do Comércio. Der Platz ist eine beeindruckende Bühne am Eingang in eine Stadt, vom Meer aus gesehen, die einst mehr Weltschauplatz als urbanes Gebilde war. Die Baixa Pombalina war die Antwort neuzeitlicher urbaner Konzeptionen, die einen radikalen Gegenpol zur mittelalterlichen Altstadt bildete. Nach dem schrecklichen Erdbeben von 1755 erhob sogar Voltaire seine mahnende Stimme. Der Aufbau der Rasterstadt wurde noch in der selben Nacht beschlossen.

Als 1988, mehr als zwei Jahrhunderte später ein Brand in Chiado und Bairro Alto wütete, wurde Àlvaro Siza federführend mit dem Wiederaufbau beauftragt. Es war übrigens das Jahr des Beitritts von Portugal zur Europäischen Union. Portugals schönste Metapher ist die Nelkenrevolution, die einst das diktatorische Regime von Salazar beendete.

 

 

 

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